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Expertinnen im Interview

Mental Load: Wenn der Kopf nie Pause hat

Auch in ruhigen Momenten kreisen bei vielen Eltern die Gedanken um Termine, Finanzen und die Organisation des Familienalltags.

Anzeige, 03.07.2026

Viele Eltern kennen das Gefühl, am Ende des Tages kaum sagen zu können, warum sie eigentlich so erschöpft sind. Denn nicht jede Belastung ist sichtbar – und genau das macht sie oft so schwer greifbar.

Der Einkauf ist erledigt, die Kinder schlafen, eigentlich wäre jetzt Zeit zum Abschalten. Stattdessen kreisen die Gedanken: Der Kinderarzttermin muss noch verschoben werden, das Geschenk für den Kindergeburtstag fehlt noch und morgen ist Elternabend. Genau dieses ständige Mitdenken hat einen Namen: Mental Load. Gemeint ist die unsichtbare Denkarbeit hinter dem Alltag – all das Planen, Organisieren und Erinnern, das meist nebenbei passiert und besonders in Familien schnell zur Dauerbelastung werden kann. Fachleute sprechen deshalb auch von einem „unsichtbaren Rucksack“, den viele Tag für Tag mit sich herumtragen.

Mental Load fühlt sich für viele Betroffene an wie ein unsichtbarer Rucksack, den sie ständig mit sich tragen.

Dass Mental Load längst kein Randphänomen mehr ist, zeigen aktuelle Studien: 75,3 Prozent der berufstätigen Eltern empfinden ihren Alltag als stark oder sehr stark belastet. Woher diese mentale Dauerbelastung kommt, welche Folgen sie haben kann und welche Strategien im Alltag helfen, das erklären die Expertinnen Valentina Riehl und Tina Ochs.

#1 Warum betrifft Mental Load heute so viele Menschen, vor allem Familien?

Valentina Riehl: „Die Lebensbereiche sind vielseitig und haben sich zunehmend verdichtet. Es gibt mehr Optionen, mehr Informationsflüsse, mehr Rollen, die wir erfüllen wollen oder müssen. Dadurch wächst neben den sich ergebenden Möglichkeiten auch die kognitive und emotionale Belastung.“

Tina Ochs: „Unsere Zeit ist schnell und laut, die Räume für echtes Innehalten sind rar. Das erzeugt eine ständige innere Anspannung, die viele Menschen betrifft. Abschalten fällt schwer, weil wir gelernt haben, immer beschäftigt zu sein. Menschen mit einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl oder Perfektionismus sind besonders davon betroffen. Ich spüre Mental Load oft in den stillen Momenten zwischen zwei Aufgaben – wenn Gedanken an das Nächste schon das Jetzt überlagern.“

Die Expertinnen

Valentina Riehl (links), Psychologin M.Sc., systemische Beraterin, psychologische Psychotherapeutin i.A. aus Budenheim, begleitet Menschen in Veränderungs- und Belastungssituationen mit einem ganzheitlichen Ansatz aus Achtsamkeit, Stressregulation und körperorientierter Prozessarbeit.

Tina Ochs (rechts), Dipl. Fitness-Ökonomin und Systemische Therapeutin aus Hannover, arbeitet an der Schnittstelle von Achtsamkeit, Verkörperung und psychosozialer Entwicklung. Seit vielen Jahren ist sie in der Zen-Praxis verwurzelt und bringt ihre jahrzehntelange Erfahrung mit achtsamkeitsbasierten Ansätzen wie MBSR in ihre Arbeit ein.

#2 Was kann passieren, wenn Mental Load über längere Zeit anhält?

Tina Ochs: „Wenn ich spüre, dass ich innerlich nicht mehr zur Ruhe komme und sich das Gefühl einstellt, nie fertig zu sein, wird aus Verantwortung Belastung. Ungesehenes wird zur Trennlinie – das Gefühl, allein zu tragen, schafft Distanz und Missverständnisse. Besonders in Familien und Teams, wenn Aufgaben immer wieder bei denselben Personen landen. Das führt zu Unzufriedenheit und Konflikten. “

Valentina Riehl: „Der Mental Load steigt schleichend und ist nicht sichtbar. Das macht es schwer, die Auswirkungen zu bemerken. Anfangs sagen wir uns vielleicht noch „das geht vorüber, das ist jetzt nur eine Phase“. Wir nehmen uns an der Stelle meist nicht ernst genug und wenn wir die Auswirkungen spüren, sitzen wir meist schon in der „Stressfalle“. Langfristig kann anhaltender Mental Load zum Beispiel zu Erschöpfung, Burnout, Depressionen und Beziehungsproblemen führen. Typische Anzeichen können ständiges Gedankenkreisen, Schlafprobleme oder das Gefühl, immer funktionieren zu müssen, sein.“

Dauerhafter Mental Load kann sich auf das Wohlbefinden, die Beziehungen und den Familienalltag auswirken. Besonders wenn viele Aufgaben dauerhaft an einer Person hängen, kann die psychische Belastung zunehmen.

#3 Was können Betroffene tun, um ihren mental load zu reduzieren?

Valentina Riehl: „Viele unterschätzen, dass Mental Load eine echte Belastung ist. Der unsichtbare Rucksack, den wir tragen, wird häufig nicht ernst genug genommen. Außerdem kann ein hoher Perfektionismus die Belastung enorm verstärken. Wer alles perfekt machen möchte, lädt sich oft mehr auf, als gut tut. Wichtig ist: Darüber sprechen und den Mental Load für sich und andere sichtbar machen. Was Betroffenen helfen kann: Klare Absprachen, Aufgaben gänzlich abgeben oder radikal streichen und bewusst Pausen einbauen. Außerdem sollten sie lernen, eigene Grenzen besser zu benennen, ihren Perfektionsanspruch zu reduzieren und ihr Nervensystem durch Ruhe und Entspannung zu regulieren. Ich selbst bin ein großer Fan von Hirn-Flick-Flacks – einer klassischen Grübelstopp-Methode. Dazu kann man beispielsweise von 100 rückwärts rechnen in siebener Schritten oder man geht das ABC gedanklich durch und findet für jeden Buchstaben eine Sportart. Unser Hirn kann nämlich nicht Grübeln und parallel diese Denksportaufgabe bewältigen, sodass das meist als erste Unterbrechung hilft.“

Tina Ochs: „Ein Moment des bewussten Atmens, ein Spaziergang, das Zulassen von Unvollkommenheit – kleine Inseln der Ruhe im Alltag.“

Familie bedeutet füreinander da zu sein. Wer Verantwortung teilt, schafft Raum zum Durchatmen.

#4 Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit mentale Belastungen früher erkannt und ernster genommen werden?

Valentina Riehl: „Mental Load ist schwer zu greifen und wird oft nicht als legitime Belastung wahrgenommen. Viele Betroffene fürchten, Schwäche zu zeigen. Wir brauchen mehr Bewusstsein für die Entstehung von Mental Load, offenere Kommunikation und eine gerechtere Verteilung von Aufgaben, die nicht sichtbar sind.“

Tina Ochs: „Es braucht eine Kultur des Zuhörens und Ernstnehmens. Wertschätzung. Aktuell fehlt die Sprache für das Nicht-Sichtbare. Oft glauben wir, wir müssten alles allein schaffen.“

#5 Welchen persönlichen Rat würden Sie Menschen geben, die das Gefühl haben, dauerhaft nur noch zu funktionieren?

Tina Ochs: „Erlauben Sie sich, innezuhalten. Lauschen Sie nach innen: Was braucht Ihr Herz, was Ihr Körper? Wieder auch bewusst das Verbunden-Sein spüren.“

Valentina Riehl: „Sprechen Sie offen über Ihre Belastung, holen Sie sich Unterstützung und prüfen Sie, wo Sie Verantwortung abgeben können. Sie müssen nicht funktionieren, um wertvoll zu sein. Erlauben Sie Ihrem Gehirn, die offenen Tabs zu schließen, und geben Sie die Verantwortung für das Unperfekte an das Leben zurück. Denn: Das Leben lässt sich meist nicht planen oder kontrollieren.“

Extra-Tipp für Familien: Absicherung schafft Entlastung

Mental Load entsteht oft nicht nur durch den Alltag selbst, sondern auch durch die Sorge, was passiert, wenn etwas Unerwartetes eintritt. Wer weiß, dass die Familie finanziell abgesichert ist, kann zumindest einen Teil dieser Belastung reduzieren.

Eine Familienversicherung der R+V kann dabei unterstützen, finanzielle Risiken abzufedern, etwa bei Unfällen, Haftpflichtschäden oder anderen Situationen, die Familien vor große Herausforderungen stellen können. So bleibt mehr Raum für das, was im Alltag wirklich zählt.

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Bilder: R&V; KI-generiert; Getty Images

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